
So, 23.07.17:
Sonntags gehen die Amerikaner in die Kirche.
Sonntag ist auch der Tag, an dem man am ehesten einen Amerikaner in einer Stadt zu Gesicht bekommt: um und in der Kirche.
Den heutigen Gottesdienst haben wir in der St. Mary's Church Cathedral von Amarillo besucht. Obwohl auch heute, genau wie letzte Woche,
vom vorgeschriebenen Liturgieverlauf nicht abgewichen wurde, so war der Gottesdienst doch ganz anders. Letzten Sonntag konnte man zum Beispiel den gesamten Gottesdienst in
einem Begleitheft Wort für Wort mitverfolgen. Heute gab es noch nicht einmal ein Gesangbuch. - Die Lieder wurden an die Wand projiziert, manche sogar mit Noten ;-)
Am Schluss wurde 'Großer Gott' gesungen, aber mit Melodievarianten in den letzten zwei Zeilen.
Anschließend an den Gottesdienst gab es Kaffee und Donut, nach welchen wir uns aufmachten, um den Palo Duro Canyon State Park zu
besichtigen. Der Canyon ist der zweitlängste in den USA, - nur der große Bruder Grand Canyon übertrifft die 120 Meilen, - jedoch in
Europa so gut wie nicht bekannt. Für einen Eintrittspreis von $5 pro Person ist es möglich, den Palo Duro auf einem 10 km langen Rundkurs zu befahren. - Wenn man nur die
'Aussichtsplattform-Stopps' hat, soll es etwa 60 min dauern. - Von der Autostrecke aus starten mehrere Wanderwege. Manche dauern eine halbe Meile, andere Sechs, den Rückweg nicht
mit einberechnet. Ganz der unvernünftige Tourist haben wir das Auto zwei Mal auf halbwegs inoffiziellen Wegen verlassen. - In weißen Klamotten und barfüßig, versteht sich. -
Unsere zweite Wandertour führte uns zum Lighthouse. Die dazugehörende Route dauert sechs Meilen, das sind etwa 10 Kilometer. Anstatt uns
das anzutun, sind wir einfach querfelsauf geklettert, bis wir irgendwann direkt bei der entsprechend Felsformation waren. Beeindruckenderweise unterschied sich die Formation in
ihrer Gestalt von dem Foto, das im Führer abgedruckt ist: bei jedem Regen verwandeln sich offenbar die Formationen durch weitere Erosion des weichen Materials.
Nach drei verschwitzten Stunden im Canyon mussten wir uns aus zeitlichen Gründen davonmachen, was Papa sichtlich schwer fiel. - Der nächste Halt war die berühmte Cadillac Ranch. Das Kunstwerk, bestehend aus zehn im Boden versenkten Oldtimern, ist eigentlich ein Mahnmal bezüglich der heutigen Konsumgesellschaft.
Dummerweise ist das Mahnmal zur Spray-Ikone verkommen. Verglichen mit anderen Attraktionen waren sehr viele Leute dort. - Und alle hatten mindestens eine Spraydose in der Hand. -
Der Boden war übersäät mit verbrauchten Farbdosen. Wegwerfgesellschaft eben.
Irgendwie war ich enttäuscht von der Cadillac Ranch. Sie ist verkommen.
In Vega war die Idee, dass wir ins Boot Hill Saloon & Grill essen gehen. Traurigerweise
überrascht es uns kaum noch, dass der Saloon inzwischen aufgegeben worden ist und zum Verkauf aussteht.
Dasselbe Bild bot sich in Adrian. Dem 170-Seelen-Ort ist das Überleben durch die Tatsache gesichert, dass es (angeblich) der exakte
Mittelpunkt der Route66 ist. Entsprechend gab es natürlich auch ein Midpoint-Café, jedoch musste
der Besitzer aus gesundheitlichen Gründen schließen, und auch dieses Geschäft steht zum Verkauf frei.
Glenrio liegt genau auf der Staatsgrenze Texas-New Mexico. Das ist aber nicht das einzig
Bemerkenswerte des Ortes, denn offiziell wohnt niemand mehr dort. Eine richtige Geisterstadt also. Allerdings stimmt es in Wahrheit nicht. Wir sind Zeugen.
Nach dem Wechsel von der Central Timezone in die Mountain Timezone begann endlich das, was man
sich die ganze Zeit so richtig unter Rt66 vorgestellt hat. Klischee-Wildwest-Landschaft ohne Ende. Wobei das gar nicht stimmt, denn die unglaubliche Landschaft endete bereits vor
Tucumcari, dem Ziel der heutigen Fahrt. Der Ort mit über 5000 Einwohner hat die Frechheit, die Leuchtreklamen seiner Hauptstraße mit
Las Vegas zu vergleichen. - Dies ist nicht der einzige Unsinn, den die Stadt von sich behauptet (also zumindest steht es in unserem
Führer, dass sie dies behaupten würde). - Trotz allem gibt es das wohl beliebteste Motel der gesamten Rt66 in Tucumcari. Beim Durchfahren hat das Blue Swallow Motel einen supertollen Eindruck gemacht, dummerweise hatte Papa bereits in Motel 6, einer
Motel-Kette, fix reserviert. - Das kann man nur noch bereuen.